Stingray City

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11.06.2015

Am Tag nach dem Megagewitter, das im Hafen von Georgetown 2 Schiffe versenkt hat und bei uns einen Totalausfall aller elektronischen Geräte durch Blitzschlag verursacht hat, segeln wir nicht nach Guatemala weiter wie geplant, sondern klarieren erstmal wieder ein und gehen auf die Suche nach einem geeigneten Techniker und den entsprechenden Ersatzteilen.

Im Ort treffen wir fast den ganzen Rest der Segelgemeinde und das Thema ist natürlich das gestrige Unwetter, aber niemanden hat’s so erwischt wie uns. Jeder bedauert uns und ist mit Tipps zur Stelle, doch schnell wird klar, daß wir für die Reparaturen in eine Marina müssen, die auf der Innenseite der Insel liegt. Leider kann man vorher weder telefonisch noch über Funk was vereinbaren. Da aber auch viel Wind und deutlich mehr Welle kommen soll, die sich hier bestimmt mit noch mehr Geschaukel bemerkbar machen wird, fahren wie schon fast gerne um die halbe Insel (15sm), die eine Innenseite ähnlich wie ein Krater hat, mit nicht mehr wie 3-4m Wassertiefe. Da kommt bestimmt kein Schwell hin.

Wie wir am nächsten Tag starten ist es wie immer total bewölkt und regnet. Trotzdem ist die Fahrt rauf bis zum schmalen Riffkanal, der die Einfahrt in die Lagune bildet und den man nur mit „Localknowledge“ (Ortskenntinissen) durchfahren soll, ganz o.k. Wir haben wenig Wind und Welle gegenan.

2sm vor der Durchfahrt sehen wir es schon, da kommt eine mächtige Gewitterfront auf uns zu. Was machen, warten bis das Teil durch ist oder weiterfahren mit der Gewissheit, daß sie uns bestimmt genau bei der Einfahrt erwischt? Wir werden langsamer, aber am Radar sehen wir auch, daß nach Der gleich das nächste Sauwetter folgt und so wie wir die Cayman Islands bis jetzt kennen gelernt haben hört es eh nicht auf. Also fahren wir weiter und es ist genauso, je näher wir der Durchfahrt kommen um so mehr bläst und schüttet es. Wie so oft finde ich mich vorne am Bug, bei strömendem Regen der bei 25-30kn Wind quer daher kommt wieder und starre in’s aufgewühlte Wasser um die Durchfahrt durchs Riff zu finden. Aber da wir mittlerweile in solchen Dingen Profis geworden sind gelingt es uns auch bei solchen Bedingungen und ohne Chartplotter (der sich hier völlig raushält und einfach nur Riff darstellt) unbeschadet die wenigen kleinen Holzstangen auszumachen, die gerade mal 30cm aus dem Wasser ragen und die eigentlichen Untiefen markieren.

Kurz drauf, die Lagune hat einen Durchmesser von 5sm, wollen wir vor der Harbourhouse Marina ankern, aber als ich die Winsch betätige tut sich da nix mehr. Na toll, auch vom Blitz getroffen. Bei strömendem Regen und heftig Wind setze ich den Anker mit der Hand. Runter geht’s schon. Aber wieso soll’s auch anders sein, er hält nicht und hält nicht und hält nicht, egal wieviel Kette wir stecken. Das der Cobra (Anker) nicht hält kann man in unseren 5 Jahren Anker-Karriere an einer Hand abzählen. Klar, daß er das genau auch dann macht, wenn die Winsch zum Aufholen nicht geht. Wir warten bis Wind und Regen weniger werden, dann hole ich die Kette mit dicken Handschuhen hoch. Ich will das selber machen, warum weis ich auch nicht, aber Harald ist schon genug genervt. Vielleicht ist unten alles voll Gras, das kann man aber nur vermuten, weil das Wasser braun wie eine Kloake ist. Der Anker kommt hoch, ich sichere ihn, aber er hat weder Gras noch Schlamm dran. Wir probieren es nochmal, diesmal verkatte ich einen Plattenanker dazu, der wird’s schon machen. Wir stecken bei 3m Wassertiefe 50m Kette dazu und trotzdem fahren wir konstant rückwärts. Nach ca. 1sm macht es einen schwachen Ruck und wir stehen. Das muß ich mir anschauen, sonst kann ich nicht ruhig schlafen. Trotz des braunen Wassers und der vielen Quallen schnorchle ich vor und schaue nach. Der Cobra liegt faul auf der Seite, aber der Plattenanker hat mit einem Zinken eine kleine Furche in dem steinharten Untergrund gefunden in die er sich verzweifelt einkrallt. Wir ziehen nochmal Vollgas rückwärts an und er gibt nicht auf, das hält.

Da heute Sonntag ist erreichen wir natürlich in der Harbourhouse Marina niemanden mehr.

Am nächsten Tag stehen wir im Marina-Office was auch gleichzeitig ein riesiger Marineshop ist und fragen ob sie Raymarine Teile und einen Techniker dazu haben. Der Schwarze an der Kasse schüttelt nur den Kopf. Beides Fehlanzeige und jetzt? Können wir wenigstens Internet haben um rauszufinden wo wir dann hin müssen. Nein auch nicht, wir sollen warten bis der Manager vom Lunch zurück ist, der weis vielleicht mehr. Da im Moment in der Marina nicht mehr zu reißen ist gehen wir vor die Tür und studieren unsere Landkarte ob es sich für einen Spaziergang lohnt. Plötzlich steht Jemand neben uns und frägt ob er uns helfen könne. Ja, wir sind auf der Suche nach einem Raymarine Spezialisten. Na, dann hätten wir Ihn gefunden! Er wäre der Raymarine- und Sonstige-Techniker der Marina hier. Aha und warum wissen das die Leute im Office nicht? Da langt er sich nur an den Kopf, wir uns auch.

Wir gehen mit ihm in den Laden zurück, er macht alles klar, daß wir an’s Dock kommen können und logt uns in den Internetzugang ein um mit der Versicherung Kontakt aufzunehmen. Eine Stunde später sind wir mit dem Schiff wieder da und die große Fehlersuche beginnt. Am Ende des Tages gibt es für Carl keinen Zweifel. Das Hauptproblem sind, durch den Blitzschlag verschmorte Kabel und ein paar Teile. Leider sind auf der ganzen Insel, wie sich nach einigen Telefonaten herausstellt, diese speziellen „Powercable“ nicht aufzutreiben. Also bestellen und hoffen, daß es die wirkliche und alleinige Ursache ist. In 3-4 Tagen müssen sie aus USA da sein, dann werden wir es wissen.

Da wir aufgrund der Wetterverhältnisse sowieso nicht weiter können warten wir, denn es schaut nicht so aus wie wenn innerhalb der nächsten Woche was kommt, was gut für Guatemala wäre.

Wir verlegen uns an einen anderen, etwas schöneren Ankerplatz, denn das Wasser ist überall in der Lagune braun wie im Moorsee, da sie von Mangroven gesäumt ist. Vor der Marina kann es auch noch aus anderen Gründen so dunkel sein.

Am neuen Ankerplatz treffen wir 2 andere, deutsche Catamarane, die das Wetter auch langsam mürbe macht. Es ist wie in Deutschland im November, so düster und dunstig, dazu aber 35-38 Grad heiß und durch den vielen Regen so feucht, daß einem nur beim Rumsitzen schon morgens um 8 Uhr der Schweiß den Rücken runter läuft. Das geht jetzt seit einer Woche so, hört das auch mal wieder auf, wo bleibt die Sonne?

Endlich gibt es einen Tag wo die Sonne für ein paar Stunden raus kommt.

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Wir nützen es um gleich um’s Eck mit dem Dinghy an’s Riff zum Schnorcheln zu fahren, …

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… denn es ist wirklich ganz besonders schön hier.

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Aber nicht nur ein Spot am Riff ist toll, sondern es zieht sich ein Ring um die ganze Insel und man hat zum Schnorcheln und Tauchen soviele Möglichkeiten wie nirgends sonst in der Karibik.

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Nicht zu vergessen Stingray City, wo man aufpassen muß, …

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… daß man keinem Rochen auf den Kopf steigt.

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Mitten im Ocean befindet sich diese Sandbank ohne Netz oder Zaun drumrum, …

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… wo es nur so von Rochen wimmelt.

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Sie sind so zutraulich, daß man mit ihnen kuscheln kann.

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Man weis zwar nicht genau wer zuerst da war, …

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… die Rochen oder die Touristen, die in der einen Hand ihren Drink und in der anderen das Futter für die Rochen halten.

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Aber egal, beide Seiten finden es offensichtlich lustig und den Rochen schadet es scheinbar auch nicht, …

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… mit Menschen so auf Hautkontakt zu gehen, …

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… sonst wären nicht so große und alte Tiere unter ihnen die jeden Tag freiwillig zum Kuscheln kommen.

Am nächsten Tag ist dann schon wieder Essig mit besserem Wetter, es regnet und stürmt bei 35 Grad. Aber unsere Teile sind wie geplant eingetroffen, also zurück zur Marina, wo Carl an Bord kommt. Carl ist einfach der Held, seine Diagnose war goldrichtig, das stellt sich in wenigen Minuten raus, wie er die neuen Kabel anschließt und fast alles wieder geht. Aber dann geht es los, das Kabelverleg-Abenteuer auf einem Schiff. 12m Kabel müssen durch ein Bootsinneres wo man weder selber noch mit irgendeinem Hifsmittel hinkommt. Und da kann man soviel Seitenverkleidungen wegbauen wie man will, da wo man hin muß kommt man nicht hin. Jetzt möchte man meinen, daß man sich mit Draht und Teleskopstangen doch irgendwie behilflich sein könnte. VERGISS ES!!!

Nach langem Tüfteln und diversen, fehlgeschlagenen Ideen bringt dann der Magnet-Trick die Lösung und das Ende des Kabels vom Motorraum zum Sicherungspult. Man befestigt einen Magneten an eine genügend lange, dünne Angelsehne an deren Ende das Kabel montiert ist. Läßt das Teil in den Hohlraum hängen und kommt dann von außen an der Wand mit einem starken Magneten an, tüftelt solange bis der Innere sich an den Äußeren klebt und geht anschließend gaaaaanz vorsichtig an der Wand entllang und hofft, daß die Verbindung nicht abreißt bis man den Inneren greifen kann. Was sie natürlich mehrmals macht und das ganze Angelspiel wieder von vorne beginnen läßt. Aber nach einem endlosen Geduldsspiel ist es geschafft und es muß nur noch (nur noch ist gut) die Angelsehne so vorsichtig wie möglich nachgezogen werden, bis das Kabel da ankommt wo man es haben will. Schon hat man gewonnen. Wobei jeder der bei sowas nicht dabei gewesen ist weis nicht wovon ich spreche. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 90% und 35 Grad muß sich ein gutbeleibter und normalgroßer Carl in den unmöglichsten Stellungen in die engsten Hohlräume begeben, wo schon jemand mit Kindergröße Platzangst bekäme. Deswegen ist er der Held, geschwitzt und um einige Schrammen reicher sind wir alle drei, aber nach 8 Stunden Schinderei ist zumindest ein Teil der Elektronik wieder soweit hergestellt, daß wir weitersegeln könnten. Bis auf das Fehlen des AIS-Signals (zeigt andere Schiffe, die so einen Sender besitzen auf dem Chartplotter an und das sind heute nicht nur die Großen sondern auch viele andere), der Windanzeige und noch einiges läuft zumindest der Autopilot wieder.

Wenn es jetzt bald auch mal mit Wind und Wetter wieder laufen würde könnten wir weiter, aber das scheint noch zu dauern.